Die Magie des Frauenzirkels

Mich verbindet mit Berlin eine Hass-Liebe. Berlin ist aufregend und abwechslungsreich, bietet dir viele Möglichkeiten dich beruflich zu entwickeln und du triffst Menschen aus aller Welt. Aber Berlin ist auch laut, voll, hektisch und anonym. Ich habe wieder zu viel gearbeitet, über zu viele Dinge nachgedacht, schlief schlecht und ich merkte, dass ich immer mehr den Kontakt zu mir verlor.
Ich war wieder in meiner “Ich will einfach nur weg”-Phase und flüchtete mich spontan zu einem Musikfestival in der Nähe von Berlin. Schnell ein Zelt gekauft, einen kleinen Rucksack gepackt, rein in den Zug und einfach weg.
 
Das Musikfestival versprach mir zelten im Wald, direkt an einem See, tolles Wetter, Musik, Theater, Kino, spirituelle Diskussionen und Zusammentreffen, Farben, bunte Lichter, Bällebad, Hopseburg, Schaukeln, Badewannen im Freien, Traumfänger, Glitzer und bunte Bänder….auf mich wartete ein Spielplatz für Erwachsene. Ja, ich wollte einfach wieder spielen, schaukeln, staunen, baden, mich anmalen, andere anmalen, tanzen, in der Natur herumrennen und einfach wieder die Seele baumeln lassen.
4 Tage lang. Ich und 6.000 anderen Menschen.
 
Ich habe mich auf dem Festival sehr wohl gefühlt und viele spannende Begegnungen und Unterhaltungen gehabt.
 
Während ich spontan einen Traumfänger aus Ästen und neon-pink-farbener Wolle bastelte, erzählte mir eine junge Frau, dass auf dem Festival ein Frauenzirkel stattfinden wird. Sie überlegte, ob sie sich das mal anschauen wird, da sie noch nie auf einem Frauenzirkel war und die Neugier groß war.
 
Auch mich packte die Neugier, aber auch Skepsis. Ich habe mein Leben lang Frauengruppen gemieden. Wenn ich jedoch in Frauengruppen war, fühlte ich mich eher unwohl bis hin zu überfordert und erschöpft. Ich empfand diese oft als laut und dramatisierend. Oft kochten hier Emotionen hoch, die mit Verbitterung, Neid, Frust und Hysterie vermischt wurden. Insbesondere mag ich es nicht, wenn über andere gelästert wird.  Ich vermisste Entspannung, Leichtigkeit, Humor und Optimismus. In der Vergangenheit zog ich doch immer vor meine Zeit eher in Männerdomänen zu verbringen, was aber nicht immer hilfreich für meine weibliche Seite war.
 
In der Tat hatte ich das Bedürfnis mehr für meine weibliche Seite zu tun. Das Berliner Leben nagt oft an mir und ich merke, dass ich Mühe habe meine Leichtigkeit und Weiblichkeit zu behalten. Oft fühle ich mich eher wie ein Krieger, wie ein Freiheitskämpfer, Augen zu und durch.
 
Nun, ich gab dem Frauenzirkel eine Chance, war mir aber absolut im Klaren, dass ich diesen von aussen betrachten werde. Ja, ich hatte in der Tat wieder Sorge in ein lautes, überemotionales und hysterisches Wirrwarr zu geraten und schützte mich somit durch meine Beobachterposition.
 
Es war Mittags. Der Frauenzirkel fand an einem sehr geschützten, friedlichen Ort im Freien statt. Dieser Ort wurde “Zauberwald” genannt und das zu recht. In Mitten eines Waldstückes wurde mit viel Liebe ein wundervoller Platz für Zusammenkünfte geschaffen. Der Boden war mit roten Teppichen ausgelegt. Von den Bäumen hingen stilvolle, weiße, große Traumfänger herab, die sich in den sanften Windbrisen bewegten. Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Bäume bahnten, brachten wundervolle Lichtspiele an diesen Ort. Dieser Ort war Balsam für die Seele und lud zum Entspannen ein.
 
Ca. 150 Frauen sind der Einladung zu diesem Frauenzirkel gefolgt. Die hohe Nachfrage überraschte sogar die Gastgeber. Von Anfang an bewegte mich das Bild dieser vielen Frauen sehr, die erwartungsvoll, aber auch teilweise angespannt auf dem Boden saßen. Trotz dieser angenehmen Ruhe im Wald war die Luft voll mit Emotionen geladen. Die Gastgeber gaben jeder Frau die Möglichkeit sich kurz vorzustellen und zu erzählen, ob sie schon einmal einen Frauenzirkel besucht hat.
Die Masse der Frauen waren im Alter von ca. 20 bis 27 Jahre alt. Von selbstbewussten bis scheuen Vorstellung der Frauen war alles dabei. Die einen kannten Frauenzirkel schon, andere waren einfach nur neugierig was ein Frauenzirkel ist.
 
Was sie erzählten, berührte mich sehr, weil ich mich in vielem wiedererkannte. Sie erzählten, dass sie zwar Freunde haben, aber sich doch mit so vielen Gedanken und Sorgen alleine fühlen. Sie bedankten sich so sehr, dass es diesen Ort, solche Veranstaltungen, so einen geschützten Raum gibt, wo sie sich endlich öffnen und sie selbst sein können. Andere Frauen erzählten, dass sie viel von Selbstzweifeln geplagt sind und dass sie sich manchmal schämen eine Frau zu sein. Sie schämen sich, dass sie Emotionen haben und diese zeigen. Sie bekommen immer wieder gelehrt, dass emotional zu sein etwas schlechtes ist. Sie haben das Gefühl, dass sie als weniger kompetent wahrgenommen werden, wenn sie Emotionen zeigen.
Eine andere junge Frau hatte gerade ihre langjährige Beziehung beendet, fühlte sich total verloren und vor allem einsam. Einsamkeit. Ja, ich nahm viel Einsamkeit in diesem Kreis wahr. Ich nahm ca. 150 Frauen wahr, die alle nach Verbindung und Nähe suchten. Die Suche nach Anerkennung und Zuspruch, dass sie okay sind wie sie sind. So wie Du und ich auch. Was mir gefiel, war die Ruhe. Einige Frauen waren sehr aufgewühlt, aber ich hatte den Eindruck, dass der Ort und die Gruppe sie entspannten. Genau wie mich.
Es war in der Tat eine neue Erfahrung für mich, dass so viele Frauen aufeinander treffen können und dass es trotzdem ruhig bleibt.
 
Es wurden zwei Durchgänge mit dem klassischen “Eye Contact Experiment” durchgeführt. Die Frauen saßen sich jeweils zu zweit schweigend für ca. 5 Minuten gegenüber und haben sich tief in die Augen geschaut. Ich bin mit dieser Übung gut vertraut und ich weiss wie anstrengend diese sein kann. Es kostet auch viel Mut. Die Augen sind das Fenster zur Seele. In diesem Moment gestattest du einer fremden Person minutenlang in alle verborgenen Winkel deiner Seele hineinzuschauen. Du bist absolut verletzbar in diesem Moment, ob du willst oder nicht. Man erlebt eine starke, emotionale Wechselwirkung von der Offenbarung der anderen Seele in die man hineinschaut und der eigenen.
Beim Eye Contact Experiment wurden sehr viele Frauen sehr emotional und brachen in Tränen aus. Nach der Übung sollten sich die Frauen austauschen, wie sie diese Übung wahrgenommen haben. Diese Frauen unterhielten sich aufgeregt und lagen sich letztendlich lachend und voller Dankbarkeit in den Armen. Durch diese tiefe Verbindungen füllte sich dieser Ort mit immer mehr Liebe und Leichtigkeit.
Später gaben einige an, dass sie sich endlich gesehen gefühlt haben. Sich spürten sich und ihre wahren Bedürfnisse wieder. Einer anderen Person tief und lang in die Augen zu schauen, sich und sein Gegenüber in all seiner Verletzlichkeit zu erkennen und anzunehmen, berührte viele tief.
 
In der anderen Übung standen sich die Frauen in zwei Reihen gegenüber. Zwischen ihnen bildete sich eine Art Tunnel. Durch diesen Tunnel sollte jede Frau einmal entlang laufen. Die anderen Frauen hatten die Aufgabe, die Frau, welche durch den Tunnel geht, zu berühren.
Der Sinn dieser Übung war, dass die Frauen lernen sollten, dass Berührungen nicht gleich automatisch etwas sexuelles sein muss. Es ging darum die Verbindung, die Gemeinschaft, die Unterstützung und den Schutz der Anderen zu spüren. Die Frauen sollten lernen, dass sie nicht alleine sind.
 
Die Frauen während dieser Übung zu beobachten, berührte mich sehr. Ich konnte ihre Reaktionen so gut nachempfinden. All die Verunsicherungen, die sie spürten, während sie durch den Tunnel gingen. Es ging um pures Vertrauen. Vertrauen in sich und Vertrauen in andere.
 
Einige Frauen wollten regelrecht durch den Tunnel rennen, um die Aufgabe schnell hinter sich zu bringen.
Andere Frauen gingen mit erhobenen Haupt, einem Lächeln und mutigem Schritt durch den Tunnel.
Andere liefen sehr langsam, genossen jeden Schritt und jede Berührung. Andere liefen wiederum sehr langsam durch den Tunnel, aber mit einer unfassbaren Anspannung, als ob sie sich zwangen langsam zu laufen, als ob sie sich zwangen diese Berührungen auszuhalten. Auch die Frauen, die die anderen Frauen berührten, hatten oft Hemmungen.  Andere berührten, die anderen nur zaghaft an den Schultern.
Andere waren mutiger und griffen liebevoll die Hand und streichelten diese. Im Laufe der Zeit wurden auch die Wangen liebevoll gestreichelt, die Stirn oder der Kopf kurzmassiert.
 
Auch nach dieser Übung machte sich ein Gefühl der Befreiung und Leichtigkeit breit. Die Frauen schauten sich berührt und auch mit Stolz an. Man merkte, dass all diese Frauen immer mehr zu einer Einheit wurden. Sie lernten zu vertrauen.
 
Viele Frauen wirkten nach diesem Frauenzirkel fasst wie benommen. Sie waren benebelt von dem Gefühl der wahrhaftigen Verbindung zu Anderen, benebelt vom Gefühl der Selbsterkenntnis, benebelt davon Liebe und Schutz auf einer anderen Ebene erfahren zu haben. Die anfangs angespannten Gesichtszüge wurden weich und zart. Die Frauen waren erfüllt von Dankbarkeit.
 
Und wisst Ihr was? Ich habe noch nie soviel Schönheit an einem Ort gesehen.
 
Diese Schönheit sorgte bei mir für wässrige Augen. Da auch ich erkannt habe, dass mir das Vertrauen in mich und andere oft fehlt. Ich habe gelernt, dass Zusammenkünfte von Frauengruppen auch entspannt und ruhig ablaufen können. Ich habe gespürt, wie nährend und stärkend diese Zusammenkunft war. Dieser Ort, dieser Zauberwald strahlte nun Optimismus, Dankbarkeit, Ruhe, Liebe, Weiblichkeit und eine unglaubliche Stärke aus. Und ja, ich gestand mir ein, dass ich so etwas in meinem Leben vermisste.
 
Jede einzelne Frau an diesem Ort strahlte unfassbar viel Schönheit aus. Ihre innere Schönheit strahlte nach Außen. Ihre Verletzlichkeit machte jede einzelne Frau einfach unfassbar schön. Ich wünschte, dass sich diese Frauen selbst sehen hätten können und ihre eigene Schönheit erkannt hätten. Wenn Sie das gesehen hätten, was ich gesehen habe, würden Sie keinen Tag mehr Zweifel an sich und an ihrer Schönheit haben. In diesem Moment wurde mir auch klar, dass dies auch mein Thema ist. Werde dir deiner wahren Schönheit bewusst! Deine Verletzlichkeit ist deine Stärke und deine Schönheit.
 
Dass ich Zeuge, dieses Frauenzirkels sein durfte, war für mich ein großes Geschenk und Inspiration. Und wieder bin ich mir selbst dankbar, dass ich meiner grenzenlosen Neugierigkeit gefolgt bin.
 
Nach dem Frauenzirkel standen einige junge Frauen zusammen und fragten sich, ob auch Männer solche Zirkel besuchen würden. Sie meinten, Männer wären nicht so emotional. Männer suchen nicht diese Verbindung. Männer suchen so eine Nähe nicht. Ich drehte mich zu den jungen Frauen um und teilte ihnen mit, dass der Bedarf bei den Männern (wie bei jedem Menschen) nach Nähe, Anerkennung und Verbindung auch da ist, sie aber genauso, wenn nicht sogar stärker von gesellschaftlichen Konventionen geprägt sind und dass Männer vielleicht sogar noch größere Hürden überwinden müssen Emotionen zu zeigen.
 
Doch ich frage mich immer wieder. Warum fällt es uns – Frauen wie Männern – so schwer sich zu zeigen – mit all unseren Emotionen und unserer Schönheit? Und vor allem: Warum ist es so verbreitet, dass man sein wahres Gesicht nicht seinem Freundeskreis oder sogar seiner Familie zeigt? Warum wird lieber ein Event wie ein Frauenzirkel gewählt, um sich zu öffnen und zu zeigen? Wieso wird dieser Raum so schwer oder auch nicht im Privatleben gefunden? Warum schämen wir uns Emotionen zu haben oder sogar eine Frau zu sein? Warum werten wir Emotionen ab?
 
Wir ALLE haben die selben Grundbedürfnisse. Ich, Du, deine Freunde, deine Familie, deine Nachbarn und auch die Person, der du die Pest an den Hals wünschst.
Wir ALLE streben nach Liebe, Nähe, Anerkennung, Schutz. Auch wenn wir noch so unterschiedlich aufgewachsen sind und noch so unterschiedliche Lebensstile haben, wir alle wollen gesehen und akzeptiert werden, als die Person, die wir wirklich sind.
Autorin: Anja Karnstedt
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