Die Magie des Frauenzirkels

Mich verbindet mit Berlin eine Hass-Liebe. Berlin ist aufregend und abwechslungsreich, bietet dir viele Möglichkeiten dich beruflich zu entwickeln und du triffst Menschen aus aller Welt. Aber Berlin ist auch laut, voll, hektisch und anonym. Ich habe wieder zu viel gearbeitet, über zu viele Dinge nachgedacht, schlief schlecht und ich merkte, dass ich immer mehr den Kontakt zu mir verlor.
Ich war wieder in meiner “Ich will einfach nur weg”-Phase und flüchtete mich spontan zu einem Musikfestival in der Nähe von Berlin. Schnell ein Zelt gekauft, einen kleinen Rucksack gepackt, rein in den Zug und einfach weg.
 
Das Musikfestival versprach mir zelten im Wald, direkt an einem See, tolles Wetter, Musik, Theater, Kino, spirituelle Diskussionen und Zusammentreffen, Farben, bunte Lichter, Bällebad, Hopseburg, Schaukeln, Badewannen im Freien, Traumfänger, Glitzer und bunte Bänder….auf mich wartete ein Spielplatz für Erwachsene. Ja, ich wollte einfach wieder spielen, schaukeln, staunen, baden, mich anmalen, andere anmalen, tanzen, in der Natur herumrennen und einfach wieder die Seele baumeln lassen.
4 Tage lang. Ich und 6.000 anderen Menschen.
 
Ich habe mich auf dem Festival sehr wohl gefühlt und viele spannende Begegnungen und Unterhaltungen gehabt.
 
Während ich spontan einen Traumfänger aus Ästen und neon-pink-farbener Wolle bastelte, erzählte mir eine junge Frau, dass auf dem Festival ein Frauenzirkel stattfinden wird. Sie überlegte, ob sie sich das mal anschauen wird, da sie noch nie auf einem Frauenzirkel war und die Neugier groß war.
 
Auch mich packte die Neugier, aber auch Skepsis. Ich habe mein Leben lang Frauengruppen gemieden. Wenn ich jedoch in Frauengruppen war, fühlte ich mich eher unwohl bis hin zu überfordert und erschöpft. Ich empfand diese oft als laut und dramatisierend. Oft kochten hier Emotionen hoch, die mit Verbitterung, Neid, Frust und Hysterie vermischt wurden. Insbesondere mag ich es nicht, wenn über andere gelästert wird.  Ich vermisste Entspannung, Leichtigkeit, Humor und Optimismus. In der Vergangenheit zog ich doch immer vor meine Zeit eher in Männerdomänen zu verbringen, was aber nicht immer hilfreich für meine weibliche Seite war.
 
In der Tat hatte ich das Bedürfnis mehr für meine weibliche Seite zu tun. Das Berliner Leben nagt oft an mir und ich merke, dass ich Mühe habe meine Leichtigkeit und Weiblichkeit zu behalten. Oft fühle ich mich eher wie ein Krieger, wie ein Freiheitskämpfer, Augen zu und durch.
 
Nun, ich gab dem Frauenzirkel eine Chance, war mir aber absolut im Klaren, dass ich diesen von aussen betrachten werde. Ja, ich hatte in der Tat wieder Sorge in ein lautes, überemotionales und hysterisches Wirrwarr zu geraten und schützte mich somit durch meine Beobachterposition.
 
Es war Mittags. Der Frauenzirkel fand an einem sehr geschützten, friedlichen Ort im Freien statt. Dieser Ort wurde “Zauberwald” genannt und das zu recht. In Mitten eines Waldstückes wurde mit viel Liebe ein wundervoller Platz für Zusammenkünfte geschaffen. Der Boden war mit roten Teppichen ausgelegt. Von den Bäumen hingen stilvolle, weiße, große Traumfänger herab, die sich in den sanften Windbrisen bewegten. Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Bäume bahnten, brachten wundervolle Lichtspiele an diesen Ort. Dieser Ort war Balsam für die Seele und lud zum Entspannen ein.
 
Ca. 150 Frauen sind der Einladung zu diesem Frauenzirkel gefolgt. Die hohe Nachfrage überraschte sogar die Gastgeber. Von Anfang an bewegte mich das Bild dieser vielen Frauen sehr, die erwartungsvoll, aber auch teilweise angespannt auf dem Boden saßen. Trotz dieser angenehmen Ruhe im Wald war die Luft voll mit Emotionen geladen. Die Gastgeber gaben jeder Frau die Möglichkeit sich kurz vorzustellen und zu erzählen, ob sie schon einmal einen Frauenzirkel besucht hat.
Die Masse der Frauen waren im Alter von ca. 20 bis 27 Jahre alt. Von selbstbewussten bis scheuen Vorstellung der Frauen war alles dabei. Die einen kannten Frauenzirkel schon, andere waren einfach nur neugierig was ein Frauenzirkel ist.
 
Was sie erzählten, berührte mich sehr, weil ich mich in vielem wiedererkannte. Sie erzählten, dass sie zwar Freunde haben, aber sich doch mit so vielen Gedanken und Sorgen alleine fühlen. Sie bedankten sich so sehr, dass es diesen Ort, solche Veranstaltungen, so einen geschützten Raum gibt, wo sie sich endlich öffnen und sie selbst sein können. Andere Frauen erzählten, dass sie viel von Selbstzweifeln geplagt sind und dass sie sich manchmal schämen eine Frau zu sein. Sie schämen sich, dass sie Emotionen haben und diese zeigen. Sie bekommen immer wieder gelehrt, dass emotional zu sein etwas schlechtes ist. Sie haben das Gefühl, dass sie als weniger kompetent wahrgenommen werden, wenn sie Emotionen zeigen.
Eine andere junge Frau hatte gerade ihre langjährige Beziehung beendet, fühlte sich total verloren und vor allem einsam. Einsamkeit. Ja, ich nahm viel Einsamkeit in diesem Kreis wahr. Ich nahm ca. 150 Frauen wahr, die alle nach Verbindung und Nähe suchten. Die Suche nach Anerkennung und Zuspruch, dass sie okay sind wie sie sind. So wie Du und ich auch. Was mir gefiel, war die Ruhe. Einige Frauen waren sehr aufgewühlt, aber ich hatte den Eindruck, dass der Ort und die Gruppe sie entspannten. Genau wie mich.
Es war in der Tat eine neue Erfahrung für mich, dass so viele Frauen aufeinander treffen können und dass es trotzdem ruhig bleibt.
 
Es wurden zwei Durchgänge mit dem klassischen “Eye Contact Experiment” durchgeführt. Die Frauen saßen sich jeweils zu zweit schweigend für ca. 5 Minuten gegenüber und haben sich tief in die Augen geschaut. Ich bin mit dieser Übung gut vertraut und ich weiss wie anstrengend diese sein kann. Es kostet auch viel Mut. Die Augen sind das Fenster zur Seele. In diesem Moment gestattest du einer fremden Person minutenlang in alle verborgenen Winkel deiner Seele hineinzuschauen. Du bist absolut verletzbar in diesem Moment, ob du willst oder nicht. Man erlebt eine starke, emotionale Wechselwirkung von der Offenbarung der anderen Seele in die man hineinschaut und der eigenen.
Beim Eye Contact Experiment wurden sehr viele Frauen sehr emotional und brachen in Tränen aus. Nach der Übung sollten sich die Frauen austauschen, wie sie diese Übung wahrgenommen haben. Diese Frauen unterhielten sich aufgeregt und lagen sich letztendlich lachend und voller Dankbarkeit in den Armen. Durch diese tiefe Verbindungen füllte sich dieser Ort mit immer mehr Liebe und Leichtigkeit.
Später gaben einige an, dass sie sich endlich gesehen gefühlt haben. Sich spürten sich und ihre wahren Bedürfnisse wieder. Einer anderen Person tief und lang in die Augen zu schauen, sich und sein Gegenüber in all seiner Verletzlichkeit zu erkennen und anzunehmen, berührte viele tief.
 
In der anderen Übung standen sich die Frauen in zwei Reihen gegenüber. Zwischen ihnen bildete sich eine Art Tunnel. Durch diesen Tunnel sollte jede Frau einmal entlang laufen. Die anderen Frauen hatten die Aufgabe, die Frau, welche durch den Tunnel geht, zu berühren.
Der Sinn dieser Übung war, dass die Frauen lernen sollten, dass Berührungen nicht gleich automatisch etwas sexuelles sein muss. Es ging darum die Verbindung, die Gemeinschaft, die Unterstützung und den Schutz der Anderen zu spüren. Die Frauen sollten lernen, dass sie nicht alleine sind.
 
Die Frauen während dieser Übung zu beobachten, berührte mich sehr. Ich konnte ihre Reaktionen so gut nachempfinden. All die Verunsicherungen, die sie spürten, während sie durch den Tunnel gingen. Es ging um pures Vertrauen. Vertrauen in sich und Vertrauen in andere.
 
Einige Frauen wollten regelrecht durch den Tunnel rennen, um die Aufgabe schnell hinter sich zu bringen.
Andere Frauen gingen mit erhobenen Haupt, einem Lächeln und mutigem Schritt durch den Tunnel.
Andere liefen sehr langsam, genossen jeden Schritt und jede Berührung. Andere liefen wiederum sehr langsam durch den Tunnel, aber mit einer unfassbaren Anspannung, als ob sie sich zwangen langsam zu laufen, als ob sie sich zwangen diese Berührungen auszuhalten. Auch die Frauen, die die anderen Frauen berührten, hatten oft Hemmungen.  Andere berührten, die anderen nur zaghaft an den Schultern.
Andere waren mutiger und griffen liebevoll die Hand und streichelten diese. Im Laufe der Zeit wurden auch die Wangen liebevoll gestreichelt, die Stirn oder der Kopf kurzmassiert.
 
Auch nach dieser Übung machte sich ein Gefühl der Befreiung und Leichtigkeit breit. Die Frauen schauten sich berührt und auch mit Stolz an. Man merkte, dass all diese Frauen immer mehr zu einer Einheit wurden. Sie lernten zu vertrauen.
 
Viele Frauen wirkten nach diesem Frauenzirkel fasst wie benommen. Sie waren benebelt von dem Gefühl der wahrhaftigen Verbindung zu Anderen, benebelt vom Gefühl der Selbsterkenntnis, benebelt davon Liebe und Schutz auf einer anderen Ebene erfahren zu haben. Die anfangs angespannten Gesichtszüge wurden weich und zart. Die Frauen waren erfüllt von Dankbarkeit.
 
Und wisst Ihr was? Ich habe noch nie soviel Schönheit an einem Ort gesehen.
 
Diese Schönheit sorgte bei mir für wässrige Augen. Da auch ich erkannt habe, dass mir das Vertrauen in mich und andere oft fehlt. Ich habe gelernt, dass Zusammenkünfte von Frauengruppen auch entspannt und ruhig ablaufen können. Ich habe gespürt, wie nährend und stärkend diese Zusammenkunft war. Dieser Ort, dieser Zauberwald strahlte nun Optimismus, Dankbarkeit, Ruhe, Liebe, Weiblichkeit und eine unglaubliche Stärke aus. Und ja, ich gestand mir ein, dass ich so etwas in meinem Leben vermisste.
 
Jede einzelne Frau an diesem Ort strahlte unfassbar viel Schönheit aus. Ihre innere Schönheit strahlte nach Außen. Ihre Verletzlichkeit machte jede einzelne Frau einfach unfassbar schön. Ich wünschte, dass sich diese Frauen selbst sehen hätten können und ihre eigene Schönheit erkannt hätten. Wenn Sie das gesehen hätten, was ich gesehen habe, würden Sie keinen Tag mehr Zweifel an sich und an ihrer Schönheit haben. In diesem Moment wurde mir auch klar, dass dies auch mein Thema ist. Werde dir deiner wahren Schönheit bewusst! Deine Verletzlichkeit ist deine Stärke und deine Schönheit.
 
Dass ich Zeuge, dieses Frauenzirkels sein durfte, war für mich ein großes Geschenk und Inspiration. Und wieder bin ich mir selbst dankbar, dass ich meiner grenzenlosen Neugierigkeit gefolgt bin.
 
Nach dem Frauenzirkel standen einige junge Frauen zusammen und fragten sich, ob auch Männer solche Zirkel besuchen würden. Sie meinten, Männer wären nicht so emotional. Männer suchen nicht diese Verbindung. Männer suchen so eine Nähe nicht. Ich drehte mich zu den jungen Frauen um und teilte ihnen mit, dass der Bedarf bei den Männern (wie bei jedem Menschen) nach Nähe, Anerkennung und Verbindung auch da ist, sie aber genauso, wenn nicht sogar stärker von gesellschaftlichen Konventionen geprägt sind und dass Männer vielleicht sogar noch größere Hürden überwinden müssen Emotionen zu zeigen.
 
Doch ich frage mich immer wieder. Warum fällt es uns – Frauen wie Männern – so schwer sich zu zeigen – mit all unseren Emotionen und unserer Schönheit? Und vor allem: Warum ist es so verbreitet, dass man sein wahres Gesicht nicht seinem Freundeskreis oder sogar seiner Familie zeigt? Warum wird lieber ein Event wie ein Frauenzirkel gewählt, um sich zu öffnen und zu zeigen? Wieso wird dieser Raum so schwer oder auch nicht im Privatleben gefunden? Warum schämen wir uns Emotionen zu haben oder sogar eine Frau zu sein? Warum werten wir Emotionen ab?
 
Wir ALLE haben die selben Grundbedürfnisse. Ich, Du, deine Freunde, deine Familie, deine Nachbarn und auch die Person, der du die Pest an den Hals wünschst.
Wir ALLE streben nach Liebe, Nähe, Anerkennung, Schutz. Auch wenn wir noch so unterschiedlich aufgewachsen sind und noch so unterschiedliche Lebensstile haben, wir alle wollen gesehen und akzeptiert werden, als die Person, die wir wirklich sind.
Autorin: Anja Karnstedt
,

Anja’s Kolumne – Teil 4

Der “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack

Kenn ihr das? Männer, was haben die schon bei sich? Ein Geldbörse? Einen Kamm?

Die fallen aus dem Bett und gehen so auf die Strasse. Sieht cool aus.

Und wir Frauen? Wir wollen auf alles vorbereitet sein. Wir haben die Tendenz alles zu überdenken. Man weiss ja nie, in was für Situationen wir kommen. Das kann aber extrem anstrengend werden. Ich bin seit einigen Jahren leidenschaftliche BackPackerin. Ich liebe die Herausforderung alleine zu verreisen, auch wenn mir das immer wieder Angst macht. Und warum macht es mir Angst? Genau, ich denke zu viel. Uhhhhuhuuuuuu, dass unheimlich Unbekannte.

Wir Menschen haben leider evolutionsbedingt eher die Tendenz an Gefahren zu denken anstatt an die positiven Seiten von Herausforderungen zu fokuszieren. Et is, wie et is… wir sind immer noch ziemlich mit unserem  Steinzeitmenschenverhalten verbunden. Verdammte Axt. Raus aus dem Kopf. Rein ins Herz. Nicht groß Nachdenken. Einfach machen. Klingt einfach. Isset aber nüsch.

Kurz bevor ich meinen erste großen BackPackTrip – zwei Wochen Italien – antrat, drehte ich durch. Ich habe in der Tat alles totgedacht, was vielleicht schlechtes passieren könnte. Ich wurde immer angespannter. Oh GottoGottoGott!

“Oh Gott, Ich allein, ganz allein, in Italien, 2 Wochen lang, ich kenne da keine Sau, ich kann kein Italienisch. Oh Gott, bin ich denn bekloppt, einfach nach Italien reinfahren, ohne Hotel oder sonst was gebucht zu haben? Nix ist fix. Nix ist klar. Was ist, wenn ich auf der Strasse schlafen muss, weil alle Hotels ausgebucht sind? Mit Fremden in einem Zimmer schlafen? Wer sind die? Nicht, dass mich da einer Nachts angrabbelt. Wie werde ich mich da ernähren? Soll ich mir was mitnehmen? Man weiss ja nie.

Was ist, wenn ich mich verfahre und total verloren umherlaufen und keiner versteht mich?

Oh mein Gott, was soll ich alles einpacken? Ich kann ja gar nicht soviel mitschleppen. 2 Wochen. Aber ich muss auf alles vorbereitet sein… Ich brauche leichte Klamotten, Klamotten, wenn es kalt wird, Wanderklamotten und dann, wenn ich vielleicht doch totschick ausgehen will…. das  teure. blaue, lange Chiffon-Kleid und die High Heels müssen mit. Sportschuhe. Stiefel, man weiss ja nie… Was mach ich mit meinen Haaren? Soll ich einen Fön mitnehmen? Aber ich will kein Fön mitnehmen. Moment mal, werde ich meine Periode in Italien haben? Oh bitte nicht. Was ist, wenn ich mich in Italien verliebe? Brauche ich Kondome? Was ist, wenn ich 2 Wochen lang komplett alleine bin und total vereinsame? usw. … “

Während ich so am durchdrehen war und mich herrlich hinsteigerte, betrachtete ich mich wie üblich auch von aussen und amüsierte mich genervt “Kann die auch mal locker machen? Tadaaaa, da stand ich nun in Mailand. Ich und meine “ich muss auf alles vorbereitet sein und unter Kontrolle haben”-Manier. Gott, ging ich mir auch den Sack!

Apropo Sack. Mein BackPack stellte mich bereits am ersten Tag vor eine Herausforderung. Er war voll gepackt bis oben hin. Jepp, das teure. blaue, lange Chiffon-Kleid und die High Heels waren auch dabei. Ich hatte ALLES dabei. Was für eine Last! Und ich hatte noch 2 Wochen vor mir. 2 Wochen in denen ich von Stadt zu Stadt reisen werde und immer diesen “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack auf meinem Rücken.

In Mailand merkte ich schnell, dass dieser “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack mich noch umbringen wird. Hinzu kam, dass ich mir vorkam wie ein Pack-Esel zwischen all den italienischen Fashion Victims. In der Bahn hatte ich Mühe mich aufrecht zuhalten. Ein Windstoß und ich verlor das Gleichgewicht. Allerdings waren immer wieder charmante, adrett gekleidete Italiener am Start, die mich stützen und etwas besorgt anschauten. Ich und dieser gigantische “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack.

Mein “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack raubte mir viel Energie und Kraft. Ich verfluchte ihn. Ich verfluchte mich. Aber da musste ich durch. Die Last hielt mich davon ab mich frei und spontan zu bewegen. Ich benötigte immer wieder Ruhephasen. Alles tat weh und manchmal wollte ich mich einfach nur wie ein kleines, trotziges Kind auf den Boden werfen und heulen, weil ich einfach keine Lust mehr hatte. Ich sehnte einfach nur nach Leichtigkeit. Das Bewusstsein, dass ich soviel unnötigen Kram mit mir schleppte, frustrierte mich.

Die ersten Tage lief ich noch etwas getrieben durch die Städte. Ich erwischte mich, dass ich doch innerlich irgendwie einen Plan hatte maximal viel in Italien zu schaffen bzw. zu sehen. In Florenz merkte ich zum ersten Mal, dass ich instinktiv immer dasselbe tat. Ich kam in einem neuen Ort an, suchte mir (noch mit Anspannung) eine Unterkunft, knüpfte Vorort Kontakte bzw. suchte Verbündete und dann erst suchte ich Nahrung.

Ich habe erkannt, dass ich ohne anderen Menschen nicht auskomme. Ich brauche sie. Wir brauchen Sie. Es ist schön mal alleine zu sein, aber wir alle suchen Nähe und Gleichgesinnte. Menschen, die uns unterstützen, schützen oder uns so annehmen wir sind. Wir wollen dann doch irgendwie immer “dazu gehören”.

Was ich am meisten bei meinen BackPackTrips liebe, ist dass ich so viele unterschiedliche Menschen aus aller Welt treffe und ich mich mit Ihnen auszutauschen kann. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich solche Begegnungen liebe und feiere. Wir können voneinander soviel lernen. Auch wenn wir noch so unterschiedlich aufgewachsen sind, haben wir jedoch alle die gleichen Bedürfnisse und Sehnsüchte.

Jeder hat seine Geschichte zu erzählen, jeder hat seine Eigenarten, die ihn besonders und liebenswert machen. Wichtig ist es, dass man zuhört und offen bleibt, nicht verurteilt. Vertrauen zu Dir selbst und zu anderen, ist der Schlüssel zu wahrhaftig, berührenden Begegnungen.

Ich habe auch immer wieder erlebt, dass sich einige Reisende schämten, dass ihr Englisch nicht so gut war und deshalb vermieden Sie den Kontakt, um sich nicht zu blamieren, obwohl sie sich so gerne unterhalten hätten. Auch ich musste früher lernen: Auch wenn sich dein Englisch nicht so schön anhört, man wird  immer verstehen, was du willst. Solange du kommuniziert, ist alles gut.

Nach ca. 1 Woche kam ich in Bari (Süd-West-Italien) an. Ich hatte nun schon eine Art Routine entwickelt. Ich merkte wie ich losliess. Ich merkte, dass ich die Dinge nehmen muss wie sie kommen. Dinge vorher kaputt zu denken, nimmt Dir deine Leichtigkeit und kostet nur Energie. Abgesehen davon nehmen deine Mitmenschen deine Anspannung bewusst wie unbewusst wahr, was die zwischenmenschlichen Beziehungen negativ beeinflussen kann.

In Bari war ich bereits wie ausgewechselt. Ich atmete entspannt. An die Last meines “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack hatte ich mich gewöhnt, auch wenn ich immerwiedder das innere Bedürfnisse hatte, ihn um die Hälfte zu leeren. Ich brauchte all diese Dinge einfach nicht.

Ich war dankbar für all die Menschen, mit denen ich wundervolle Momente verbracht hatte. Ich genoss deren und meine Offenheit. Ich genoss, dass alles auf das Wesentliche reduziert war.

Es ging immer nur um das im Moment sein. Einfach präsent sein und genießen. Und vorallem, was ich merkte: Meine Ausstrahlung.

Ich hatte nie große Probleme, schnell mit Menschen in  Kontakt zu kommen und fand immer recht schnell Anklang. Aber in Bari muss ich so grundentspannt gewesen sein, so dass sich die Männer extrem von mir angezogen fühlten. Quasi an jeder Ecke wurde ich von Männern auf angenehme und verspielte Art angesprochen.

Anfang war ich überfordert und irritiert. Ich habe erst gar nicht verstanden, was los war. Sowas kannte ich nicht. Nicht in diesem Ausmaß und erst recht nicht aus Deutschland. Aber ich verstand immer mehr: Es liegt einfach daran, dass ich grundentspannt war. Mein Atem war im Fluss. Ich war im totalen Einklang mit mir und meiner Umgebung.

In den Tagen danach stellte sich bei mir eine große Dankbarkeit ein. Ich war dankbar, dass ich mir so im Einklang war. Dankbar diese Leichtigkeit zu spüren und auszustrahlen. Ich war dankbar für eine simple Dusche oder meine Haare waschen zu können. Ich war sogar dankbar für mein verkorkstes Bett, welches seltsam zusammengezimmert war. Ich war mir nicht mal sicher, ob es ein richtiges Bett war. Ich war dankbar für die Menschen mit denen ich mein Zimmer teilen durfte. Ich war dankbar, dass ich diese kleinen Dinge so sehr schätzen konnte und dass sie mich wirklich glücklich machten. Ich war dankbar für die Menschen mit denen ich die Orte erkunden konnte und das ich ihr Vertrauen genoss.

Ich habe mich so wohl und befreit gefühlt und hoffte, dass ich dieses Gefühl und diese Weltanschauung mit nach Berlin nehmen und halten kann.

In Berlin wieder angekommen. Ernüchterung. Ich fühle mich noch zart geküsst und umarmt von meinem Erfahrungen. Salopp gesagt…ich stand mitten in Berlin und fühlte mich total flauschig und wollte jeden umarmen. Aber ich merkte schnell wie mich die energetische Welle Berlins erfasste. Alles war soviel schneller und lauter. Die Menschen rannten wieder hastig an einen vorbei und schauten sich kaum an.

Ich stand in meiner kleinen Wohnung, welche mir plötzlich unfassbar groß erschien. Ich sah zu meinem Kleiderschrank, dessen Inhalt mich erschlug, obwohl ich noch nicht mal ein Shoppaholic bin. Ich stand da und dachte nur “ich brauch das alles nicht”. Ich sah nur noch Überfluss und fing an mir von diversen Sachen zu trennen. Ich wollte mir so Leichtigkeit und mehr Freiraum erschaffen.

Du denkst du brauchst dies und das. Du kaufst dir oft Dinge, damit du dich besser fühlst. Du denkst über so viele Dinge nach, was passieren könnte, aber letztendlich was du wirklich brauchst sind gesunde zwischenmenschliche Beziehungen und das Vertrauen in dich selbst.

Seit dieser Reise befasse ich mich immer mehr mit Minimalismus. Was brauche ich wirklich? Was erfüllt mich? Seien es materielle Dinge, Orte und auch zwischenmenschliche Beziehungen. Ich mache immer wieder mal BackPackTrips allein, aber mit einem deutlich kleinerem BackPack. Jedes Mal stehe ich meinen Ängsten und Sorgen gegenüber, um letztendlich festzustellen, dass diese mich eigentlich nur behindern das Leben zu führen, was mir wirklich gut tut.

In diesem Sinne: The Journey continues.

,

Anja’s Kolumne – Teil 3

Er sieht aus wie dein Ex

Was soll das, huh? Ich mein, warum piesackt mich das Leben so? Ich war auf einer Weiterbildung, ich wollte mich doch nur weiterbilden und dann sowas?

Ich war extrem fokusziert auf die Weiterbildung und hatte eigentlich kaum Kopf für die anderen Teilnehmer. Aber er, der Große blieb mir bei der Begrüßung schon in Erinnerung. Da passierte mehr als bei den anderen. Aber wie gesagt, voller Fokus auf Weiterbildung.

 

Die Weiterbildung begann mit einem Warm-Up. Da ich zu dieser Zeit ein totaler Körperklaus war, zog ich es vor ganz hinten mich zu verstecken, um nur mich mit meinen Bewegungen zu blamieren. Während ich fassungslos, aber auch amüsiert über meine eigenen Unbeweglichkeit war, bemerkte ich, dass der Große neben mir genau die selben Probleme hatten. Und wir lachten über unsere lächerliche Bemühungen, dem Warm Up zu folgen.

Ich war so froh, nicht der einzige Bewegungs-Vollidiot zu sein.

Nach dem Warm Up gab es eine kleine Auszeit. Der Große erhob sich und stand nun vor mir. Zum ersten Mal betrachtet ich ihn in Ruhe und merkte schnell, wie vertraut er auf mich wirkte. Als ob ich ihn schon ewig kenne. Warum nur? Er fing an sich mit mir zu unterhalten und bäm! Jetzt wusste ich warum? Er sah meinem Ex unfassbar ähnlich. Nach dieser Erkenntnis, konnte ich die Augen nicht von ihm lassen, so sehr faszinierte und irritierte er mich.

Der sportliche Körperbau, Körperhaltung, die Größe, die Haare, der Bart, die Gestik und Mimik, der Kleidungstil usw. alles wie bei meinen Ex.

Ich musste ihn ständig anstarren. Ich hätte ihn die ganze Zeit angrabbeln können, einfach nur weil ich von der Ähnlichkeit so verblüfft war. In mir kroch unaufhaltsam eine Sehnsucht hoch, die ich allerdings arg versucht habe zu bekämpfen, weil…. ich fand meinen Ex inzwischen nämlich ganz schön scheisse und dumm. Was ‘n Affe. Was für ‘n Prolet. So ein Bauer. Never ever again!

ABER trotz all den negativen Erfahrungen mit ihm, der Sex mit ihm war unfassbar gut. Aber was für ‘n dummer Affe.

Das war mein Dilemma. Der Große war meinem Ex so ähnlich, so dass ich  permanent zwischen “Oh Gott was für ‘n Affe” und auf der anderen Seite “hrrrrrr, du, ich, in 5 Minuten aufm Klo…und zwar nicht zum Kacken” schwankte.

Ich wurde immer verwirrter, aber auch wuschiger.

Das Schlimme, abgesehen davon, dass der Große und ich eh schon eine sehr gute Chemie hatten, viel miteinander lachten, merkte er offensichtlich, dass er mich mehr beschäftigte bzw. er interpretierte es als “die steht total auf mich”.

 

Aber es wurde noch schlimmer. Nicht nur, dass er meinem Ex so ähnlich war, ich leider total auf ihn ansprang und er auch das auch noch erwiderte: Der Große war auch noch verheiratet. Verdammte Axt. Liebe Hormone. Dit wird nüscht. Reißt Euch zusammen. Davon hat keiner was, dass endet nur im Desaster.

Aber nun hatte ich den Salat. Ihm war nicht entgangen, dass ihm mehr zugetan war. Danach hatte ich ihn an der Backe. Via Social Media hielten wir regelmäßig Kontakt. Es kam sogar vor, dass wir uns von morgens bis abends mit Nachrichten nonstop zugeballert haben. Die Gespräche waren von easy going zu tiefsinnig bis hin zu so schlüpfrig, so dass ich fast von meinem Sofa flutschte.

In mir läuteten alle Alarmglocken. Ich war mir absolut bewusst, dass ich auf ihn nur anspringe, weil er meinem Ex so ähnlich ist und ich den Sex vermisse. Abgesehen davon war der Große auch verheiratet. Lass die Finger davon. Du willst doch was Seriöses, was Solides. So wird dit doch nüscht. Du willst nicht nur ne Affäre sein und außerdem kann er ja nur ein Arsch sein, wenn er offensichtlich bereit ist seine Frau zu betrügen.

Mein Fleisch war so schwach. In manchem Momenten hätte ich ihm einfach nur gesagt “ich bin in 5 Minuten bei Dir und dann Appi Galoppi”. Und ich hasste mich dafür, weil ich wusste, wenn ich mich auf den einlasse, ziehe ich nur den Kürzeren.

Ich stand mir extrem selbst im Weg. Hin- und Hergerissen. Ich wurde immer angespannter. Um so schöner seiner Worte wurden, um so zickiger wurde ich. Ich war mit der Situation völlig überfordert. Die eine Seite von mir schrie “Fickööööööön!!!” und die andere “Ach geh weg du Affe, das ist unter meinem Niveau.”

Um mir einen Gefallen zu tun, stellte ich mich an die Seite meines Verstandes und meinte “Mach mal!”. Danach blockte ich ihn nur noch ab und er verstand die Welt nicht mehr. Anstatt ihm ehrlich zu sagen was Sache, verhaspelte ich mich in seltsame, wirre Wortbrocken. Immer schön um den heissen Brei. Ich nehme an so ein Gelaber entsteht nur, wenn der Verstand deine Hormone unterrichten will wie, was richtig ist und was nicht.

Der Große war nun völlig verwirrt, was mit mir los war und hat sich sicher gedacht “erst so cool und sexy… und jetzt so ‘n Dachschaden. Weiber!”.

Unsexy. Ja, ich verhielt mich äußerst unsexy. Ich war plötzlich zum Anti-Viagra in Person mutiert.

Das Ende vom Lied. Die Frau blieb sexlos, der Schokoladen-Konsum stieg an und die Katze wurde wieder frustriert gestreichelt.

Und da haben es wieder: Sich klar werden über die eigenen Bedürfnisse und Werte. Was will ich wirklich? Was tut mir gut? Klarheit. Klare Kommunikation erspart eine Menge unnötigen Stress und Verwirrungen in zwischenmenschlichen Beziehungen.

PS: Der Große mag mich, aber immer noch. 🙂

,

Anja’s Kolumne – Teil 2

Er ist zu jung

Nach dem ich mich heldenhaft 1 1/2 Wochen durch Italien als Backpackerin durchgeschlagen habe, bin ich in Rom angekommen. Wie in allen Orten habe ich auf gut Glück mir ein Hostel gesucht.  Gesucht, gefunden. Ich klingel. Die Tür geht auf. ER steht vor mir.

Vor mir steht ein Kerl. Ohhhh …was für ein Kerl. Ein Kerl bei dem meine rechte Augenbraue unwillkürlich, lustvoll nach oben zuckte und nicht mehr aufhören wollte. Statt der üblichen Begrüßung, rutschte mir in meiner Verzückung nur ein “Australia?” heraus, gefolgt von einem Fingerzeig mit seltsam rhythmischen Zuckungen in seine Richtung. Er schaute mich grundentspannt aber irritiert an. Seine männliche, gefestigte Stimme ertönte “New Zealand!“

Vor mir stand ein Outback Guy wie er im Buche steht. So ein Bun Man, nur ohne Hip zu sein. Ca. 30 Jahre alt. Braune Augen, kurzer Bart, natürlich gebräunte Haut, seine Haare von der Sonne geküsst, durchzogen mit blonden Strähnen . Haarig war. Recht Haarig. Brust, Arme, Beine. Sehr flauschig. Was mich sonst abtörnte, wollte nun von mir permanent durchgeflauscht werden.

Warum hat mich dieser Kerl so fasziniert? Gutaussehende Kerle gibt es wie Sand an Meer. Das war es ist nicht. War es seine Fähigkeit sich selbst zu versorgen? Selber zu kochen? Seine Kleidung ordentlich zusammengefaltet und nach Plan in seinem Backpack zu verstauen (während ich immer alles nur in meinen Backpack reinfeuerte)? Sein trockener Humor? Oder lag es an seiner grundentspannten Art? Dass er so unfassbar geerdet war? Dass ihm Materialismus und Geld nicht wichtig waren? Dass er die Natur der Stadt vorzog? Dass es sein Lebensziel war sich für Menschen und Umwelt einzusetzen? 

Wenn dieser Kerl vor mir stand, war ich auch grundentspannt. Alles war klar. Ich fühlte mich in der Tat mit ihm viel weiblicher. Ich fühlte mich wohl und beschützt an Seite und leider auch unfassbar notgeil. Bei ihm war es mir völlig egal, ob er einfach nur ein guter Freund wird, ein Fuck Buddy oder der Mann fürs Leben. Ich wollte ihn einfach nur in meinem Leben haben. Die Chemie war perfekt. Ich habe ihn einfach unfassbar gerne um mich gehabt. So unterschiedlich wir waren, so gut ergänzten wir uns auch.

Wir schliefen in einem gemischten Raum im Hostel. Während ich nachts im klapprigen Hostelbett lag, machte ich mir Pläne wie ich unbemerkt von meinem Bett über den dreckigen Boden robben,  in sein Bett schlängeln und wie ich mit ihm im vollbelegten Zimmer unbemerkt, hemmungslos vögeln könnte. Schwierig, sehr schwierig. Wären unsere Hostelbetten nicht aus verschissenem, rostigem, quietschendem Stahl gewesen, hätte ich die Nächte besser überstanden, wenn ich in meine Bettkante hätte beissen können, um diese lästigen, hartnäckigen Wehen von “ich will vögeln” zu überstehen.

Am Tag 3 liefen wir erneut durch Rom. Ohne, dass zwischen uns (in der Realität) was gelaufen ist oder dass wir typische Pärchen Sachen taten, wurden wir zwei jedoch permanent von anderen als Paar wahrgenommen und angesprochen. Wir fanden das witzig. Irritierend, aber witzig.

In mir brodelte es so sehr. Ich konnte die Energie zwischen uns kaum noch aushalten.

Ich war eine Millisekunde davor, ihn zu fragen, ob wir uns nicht einfach… ENDLICH ein Einzelzimmer nehmen könnten und dann RUMSBUMS. Doch dann schaute er mich an und fragte “Wie alt bist du eigentlich?”.

Neiiiiiiiin. Frag mich doch nicht nach meinem Alter! Ich hasste es nun mein Alter sagen zu müssen. Etwas unbeholfen kam ein “34” raus. Innerlich betete ich, dass er mich jetzt nicht abschreibt, weil ich etwas älter bin als er. Aber was sind schon ca. 4 Jahre? Aber innerlich schrie mein Verstand, die ganze Zeit “Toyboy, Toyboy, Toyboy”. Ich versuchte cool zu bleiben. Tapfer ertrug ich, dass ich die Wahrheit sagte. Ja, ich bin 34. Einatmen. Ausatmen. Alles wird gut.

Und nun kam unweigerlich, was kommen musste. Ich wollte es nicht fragen, da ich merkte, dass meine anfängliche Einschätzung, dass er ca. 30 ist nicht ganz stimmen kann. Ich musste mir auch eingestehen, dass  ich innerlich betete “Lass ihn wenigstens 27 sein”. Aber auch hier merkte ich, dass ich mich selber anlog, weil ich Panik vor der Wahrheit hatte. Denn in unseren Gesprächen erzählte er mir “zu oft” von der Highschool. 

Ja und dann… fragte ich ihn, obwohl ich wusste, dass ich es nicht wissen wollte. “Und wie alt bist du?”. Innerlich hielt ich mir schon die Ohren zu und sang “Kling Kling Kling macht die Strassenbahn”. Ich wollte es nicht wissen.

“22.” war sein Antwort.

“Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin! WHAT THE FUCK???? 22!?!?!?!?!? NO WAY!!!!!!”

Ein riesen Saal voller Spiegel zersprang in mir. Plötzlich fühle ich mich wie 65. Ich fühle mich unfassbar alt und dumm. Wie ist es möglich, dass man mit 22 schon so “alt” aussehen kann? Ich war völlig überfordert. Und frag mal meine Hormone. Die haben gar nicht mehr gewusst, wohin sie sollten. 22. 22. 22. Er ist 22. Er ist verdammte 22. Wie ist das möglich? Du bist 34. DAS GEHT DOCH NICHT!

Bis heute, wenn ich Freunden Bilder von dem Kerl zeige, schätzen sie ihn auch auf ca. 30, manchmal sogar bis 35. Alles nur, um mein Gewissen zu beruhigen, dass ich nicht die Einzige, die sein Alter völlig fehleinschätzt.

Nach dem wir unsere “Zahlen” ausgetauscht hatten, liefen wir schweigend und etwas betroffen nebeneinander her. 

Offensichtlich waren wir beide verwirrt und hatten nun Mühe uns anzuschauen. Dann schaute er mich an und meinte anerkennend “Du hast sehr den Frühling in dir bewahrt.“ Ich blieb steht, starrte ihn an und schmolz innerlich weg. Wie kann er es wagen so schöne Worte zu wählen? Jetzt, wo ich anfange ihn mir schlecht zu reden.

Ich merkte wie Wehmut in mir aufpoppte. Wie kann es sein, dass Zahlen, so einen Einfluss auf mich haben? Halten mich hier gerade wirklich gesellschaftliche Konventionen ab?

Die Luft war raus, weil mein Verstand nun zu sehr in allem involviert war. In meinem Kopf ging es nur noch “Er ist 22. Er ist 22. Er ist 22. Waaaaaaaaaaaaaarum????”

Am nächsten Tag trennten sich leider unsere Wege, da ich zurück nach Deutschland musste und er reiste weiter nach Spanien. Beim Abschied bin ich ihm so sehr vom Herzen um den Hals gefallen, weil ich einfach nur Dankbar war, für die Zeit mit ihm und weil ich wusste wie sehr ich ihn vermissen werde. 5 Monate später war er während seiner Europa Reise in Deutschland und besuchte mich für 3 Tage. Leider hatten wir wieder eine unfassbar, gute Chemie. Wieder hielten uns die Leute für ein Paar.

Jedes Mal, wenn ich ihm auf meiner Couch schlafen oder in mein Bad gehen sehen habe, hätte ich ihn bespringen können. Aber diese verfickte Zahl 22, hat meinen Verstand zum perfekten Anti-Viagra verurteilt. “22” hat mich komplett blockiert.

Heute, nach über 2 Jahren bereue ich es so sehr. Dieser verdammte Verstand.

Wenn doch die Chemie perfekt ist, wenn sich doch alles gut anfühlt, warum lässt du deinen Verstand alles ruinieren?

Heute würde ich sagen “Scheiss drauf, es passt, fühlt sich gut an, ruff uff den Mann.”

Aber hinterher ist man immer schlauer. Nech?

Immerhin.

Auf den Frust, ne Packung Eiscreme.  #hauwegdiescheisse

PS: Der Kerl lebt inzwischen in Kapstadt/Südafrika und hat eine Freundin, die den selben Vornamen trägt wie ich und deren Eltern auch aus Deutschland sind. #keinscherz

,

Anja’s Kolumne – Teil 1

Eigentlich will ich ja was Seriöses
 
 
Es ist zum Mäuse melken. Ich bin Single. Es ist okay. Aber manchmal nervt es mich schon sehr. Ich kann gut alleine sein, aber dann melden sich immer wieder meine Grundbedürfnisse und voll allem eins “ich will vögeln, jetzt!“. Und da sitzt Du nun abends auf deiner Couch, schaust deine Hand an und sagst nüchtern “Hallo Hand!”.
Ich muss gestehen, ich mach mir manchmal sorgen. Wie lange hält das mein Handgelenk wohl noch aus? Wenn das so weiter geht, hab ich bald ein Handgelenk wie eine 90zig Jährige.
Untervögelt wie ich bin, habe ich dem Impuls mal wieder ein gewagtes, etwas provokanteres Foto auf SocialMedia zu posten. Einfach so. Einfach mal schaun was passiert. Ich erwische mich, dass icheigentlich jeden Mann, der auf dieses Foto mit einer Direct Message reagiert, schon mit “irg … unter meinem Niveau” abwerte, DENN ich will ja was SERIÖSES.
Überarbeitet, untervögelt, sich subtil auf SocialMedia anbietend, rolle ich mit den Augen als Zack!… die erste Direct Message aufpoppte. Ich, die sich schon diverse “Nein Danke” oder “kein Interesse” zurecht gelegt hatte und sogar den Finger auf “Kontakt löschen” trainiert hat, wurde überrascht. DER Franzose!
Jahaaaaaa. DER FRANZOSE, von einigen liebevoll “mein Lieblings-Croissant” genannt, schrieb mir eine Nachricht und lobte mein gewagtes, etwas provokanteres Foto.
Jeden anderen hätte ich abgeschmettert, aber nicht Ihn. DER Franzose und ich hatten vor ca. 5 Jahren schon mal das Vergnügen. Gutaussehend, charmant, humorvoll, vegan, sportlich, weltoffen, Rebell und Musiker.
Gefährliche Mischung für den weiblichen Hormonhaushalt.
Mir wurde damals schon von diversen Seiten zugetragen, dass er bei einigen Damen den Hormonhaushalt ordentlich geschüttelt und gerührt hat. Eigentlich wollte ich hart bleiben, aber ich wurde schwach und er blieb hart. (Der musste sein.)
Nun denn, here we go again. Dat Croissant und die Kirsche.
Während ich so mit dem Croissant schreibe, schreien meine Hormone eigentlichen die ganze Zeit “jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa… fickööööön”, aber mein Verstand “Nein… Contenance… wir…wollen … doch… was Seriöses”.
Ja, wir wollen wirklich was Seriöses, aber wie lange muss ich denn noch warten, bis sich was Seriöses findet? Ich mein, das da unten, das muss ja auch mal instand gehalten werden. Und denkt irgendwer mal an mein Handgelenk? Ich mein, ständig mit seiner Maus herumklicken, wird auch irgendwann langweilig.
Wirklich. Das nervt mich ungemein. Ich bin wahrlich kein promiskuitiver Mensch, aber ich warte auch nicht auf die wahre, große Liebe, damit es endlich mal wieder in der Kiste rappelt.
Auf der einen Seite willst du eisern bleiben á la “Nein, nein, nein… ich bin zu alt für diesen Scheiss… ich will mehr sein als nur ein One Night Stand oder ein Fuck Buddy”. Auf der anderen Seite drehen deine Hormone durch und stehen kurz vor dem Suizid, wenn du dich nicht auf den Franzosen einlässt.
Ich schreibe mit dem Franzosen, dem Croissant nun hin und her. Während er immer wieder sein sexuelles Interesse kund tut, bemühe ich mich die Unterhaltung halbwegs tiefgründig zu halten und in Erinnerung mit ihm zu schwelgen, was wir früher so miteinander erlebt haben. Währenddessen sind meine Hormone schon längst, splitterfasernackt aus der Wohnung zu ihm gerannt und wälzen sich wie eine rollige Katze vor ihm auf dem Boden hin und her, mit lautem Miauen.
Mal unter uns. Was macht man da. Du bist dir ganz klar: Du willst was Seriöses, was Festes, was Solides. Du willst endlich ankommen. Du bist oberflächliche Beziehungen leid. Du hast in jahrelangerArbeit an deinem Mindset gearbeitet. Bist dir klar über deine Werte und deine Bedürfnisse. Und nun das!
Du weisst genau, dass du vom dem Croissant nicht bekommen wirst was du willst. Und du wirst dich danach verfluchen, dass du dich darauf eingelassen hast. Aber Du weisst auch, dass dich deine Hormone und dein Handgelenkt feiern werden. Und unser Lieblings-Croissant mich wahrscheinlich…Korrektur ….ganz sicher auch. Soviel Selbstbewusstsein habe ich dann doch.
Innere Konflikte nehmen dir echt viel Energie. In diesem Sinne, stosse ich mit Euch mit einem vollen Glas Nutella an. Auf Ex. Und scheiss drauf, dass es nicht vegan ist. Ich bin untervögelt und frustriert. Ich darf das. #Mitleidsrunde #ohhhhhh #scheissdiewandan
to be continued…