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Anja’s Kolumne – Teil 4

Der “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack

Kenn ihr das? Männer, was haben die schon bei sich? Ein Geldbörse? Einen Kamm?

Die fallen aus dem Bett und gehen so auf die Strasse. Sieht cool aus.

Und wir Frauen? Wir wollen auf alles vorbereitet sein. Wir haben die Tendenz alles zu überdenken. Man weiss ja nie, in was für Situationen wir kommen. Das kann aber extrem anstrengend werden. Ich bin seit einigen Jahren leidenschaftliche BackPackerin. Ich liebe die Herausforderung alleine zu verreisen, auch wenn mir das immer wieder Angst macht. Und warum macht es mir Angst? Genau, ich denke zu viel. Uhhhhuhuuuuuu, dass unheimlich Unbekannte.

Wir Menschen haben leider evolutionsbedingt eher die Tendenz an Gefahren zu denken anstatt an die positiven Seiten von Herausforderungen zu fokuszieren. Et is, wie et is… wir sind immer noch ziemlich mit unserem  Steinzeitmenschenverhalten verbunden. Verdammte Axt. Raus aus dem Kopf. Rein ins Herz. Nicht groß Nachdenken. Einfach machen. Klingt einfach. Isset aber nüsch.

Kurz bevor ich meinen erste großen BackPackTrip – zwei Wochen Italien – antrat, drehte ich durch. Ich habe in der Tat alles totgedacht, was vielleicht schlechtes passieren könnte. Ich wurde immer angespannter. Oh GottoGottoGott!

“Oh Gott, Ich allein, ganz allein, in Italien, 2 Wochen lang, ich kenne da keine Sau, ich kann kein Italienisch. Oh Gott, bin ich denn bekloppt, einfach nach Italien reinfahren, ohne Hotel oder sonst was gebucht zu haben? Nix ist fix. Nix ist klar. Was ist, wenn ich auf der Strasse schlafen muss, weil alle Hotels ausgebucht sind? Mit Fremden in einem Zimmer schlafen? Wer sind die? Nicht, dass mich da einer Nachts angrabbelt. Wie werde ich mich da ernähren? Soll ich mir was mitnehmen? Man weiss ja nie.

Was ist, wenn ich mich verfahre und total verloren umherlaufen und keiner versteht mich?

Oh mein Gott, was soll ich alles einpacken? Ich kann ja gar nicht soviel mitschleppen. 2 Wochen. Aber ich muss auf alles vorbereitet sein… Ich brauche leichte Klamotten, Klamotten, wenn es kalt wird, Wanderklamotten und dann, wenn ich vielleicht doch totschick ausgehen will…. das  teure. blaue, lange Chiffon-Kleid und die High Heels müssen mit. Sportschuhe. Stiefel, man weiss ja nie… Was mach ich mit meinen Haaren? Soll ich einen Fön mitnehmen? Aber ich will kein Fön mitnehmen. Moment mal, werde ich meine Periode in Italien haben? Oh bitte nicht. Was ist, wenn ich mich in Italien verliebe? Brauche ich Kondome? Was ist, wenn ich 2 Wochen lang komplett alleine bin und total vereinsame? usw. … “

Während ich so am durchdrehen war und mich herrlich hinsteigerte, betrachtete ich mich wie üblich auch von aussen und amüsierte mich genervt “Kann die auch mal locker machen? Tadaaaa, da stand ich nun in Mailand. Ich und meine “ich muss auf alles vorbereitet sein und unter Kontrolle haben”-Manier. Gott, ging ich mir auch den Sack!

Apropo Sack. Mein BackPack stellte mich bereits am ersten Tag vor eine Herausforderung. Er war voll gepackt bis oben hin. Jepp, das teure. blaue, lange Chiffon-Kleid und die High Heels waren auch dabei. Ich hatte ALLES dabei. Was für eine Last! Und ich hatte noch 2 Wochen vor mir. 2 Wochen in denen ich von Stadt zu Stadt reisen werde und immer diesen “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack auf meinem Rücken.

In Mailand merkte ich schnell, dass dieser “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack mich noch umbringen wird. Hinzu kam, dass ich mir vorkam wie ein Pack-Esel zwischen all den italienischen Fashion Victims. In der Bahn hatte ich Mühe mich aufrecht zuhalten. Ein Windstoß und ich verlor das Gleichgewicht. Allerdings waren immer wieder charmante, adrett gekleidete Italiener am Start, die mich stützen und etwas besorgt anschauten. Ich und dieser gigantische “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack.

Mein “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack raubte mir viel Energie und Kraft. Ich verfluchte ihn. Ich verfluchte mich. Aber da musste ich durch. Die Last hielt mich davon ab mich frei und spontan zu bewegen. Ich benötigte immer wieder Ruhephasen. Alles tat weh und manchmal wollte ich mich einfach nur wie ein kleines, trotziges Kind auf den Boden werfen und heulen, weil ich einfach keine Lust mehr hatte. Ich sehnte einfach nur nach Leichtigkeit. Das Bewusstsein, dass ich soviel unnötigen Kram mit mir schleppte, frustrierte mich.

Die ersten Tage lief ich noch etwas getrieben durch die Städte. Ich erwischte mich, dass ich doch innerlich irgendwie einen Plan hatte maximal viel in Italien zu schaffen bzw. zu sehen. In Florenz merkte ich zum ersten Mal, dass ich instinktiv immer dasselbe tat. Ich kam in einem neuen Ort an, suchte mir (noch mit Anspannung) eine Unterkunft, knüpfte Vorort Kontakte bzw. suchte Verbündete und dann erst suchte ich Nahrung.

Ich habe erkannt, dass ich ohne anderen Menschen nicht auskomme. Ich brauche sie. Wir brauchen Sie. Es ist schön mal alleine zu sein, aber wir alle suchen Nähe und Gleichgesinnte. Menschen, die uns unterstützen, schützen oder uns so annehmen wir sind. Wir wollen dann doch irgendwie immer “dazu gehören”.

Was ich am meisten bei meinen BackPackTrips liebe, ist dass ich so viele unterschiedliche Menschen aus aller Welt treffe und ich mich mit Ihnen auszutauschen kann. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich solche Begegnungen liebe und feiere. Wir können voneinander soviel lernen. Auch wenn wir noch so unterschiedlich aufgewachsen sind, haben wir jedoch alle die gleichen Bedürfnisse und Sehnsüchte.

Jeder hat seine Geschichte zu erzählen, jeder hat seine Eigenarten, die ihn besonders und liebenswert machen. Wichtig ist es, dass man zuhört und offen bleibt, nicht verurteilt. Vertrauen zu Dir selbst und zu anderen, ist der Schlüssel zu wahrhaftig, berührenden Begegnungen.

Ich habe auch immer wieder erlebt, dass sich einige Reisende schämten, dass ihr Englisch nicht so gut war und deshalb vermieden Sie den Kontakt, um sich nicht zu blamieren, obwohl sie sich so gerne unterhalten hätten. Auch ich musste früher lernen: Auch wenn sich dein Englisch nicht so schön anhört, man wird  immer verstehen, was du willst. Solange du kommuniziert, ist alles gut.

Nach ca. 1 Woche kam ich in Bari (Süd-West-Italien) an. Ich hatte nun schon eine Art Routine entwickelt. Ich merkte wie ich losliess. Ich merkte, dass ich die Dinge nehmen muss wie sie kommen. Dinge vorher kaputt zu denken, nimmt Dir deine Leichtigkeit und kostet nur Energie. Abgesehen davon nehmen deine Mitmenschen deine Anspannung bewusst wie unbewusst wahr, was die zwischenmenschlichen Beziehungen negativ beeinflussen kann.

In Bari war ich bereits wie ausgewechselt. Ich atmete entspannt. An die Last meines “Ich bin auf alles vorbereitet”-BackPack hatte ich mich gewöhnt, auch wenn ich immerwiedder das innere Bedürfnisse hatte, ihn um die Hälfte zu leeren. Ich brauchte all diese Dinge einfach nicht.

Ich war dankbar für all die Menschen, mit denen ich wundervolle Momente verbracht hatte. Ich genoss deren und meine Offenheit. Ich genoss, dass alles auf das Wesentliche reduziert war.

Es ging immer nur um das im Moment sein. Einfach präsent sein und genießen. Und vorallem, was ich merkte: Meine Ausstrahlung.

Ich hatte nie große Probleme, schnell mit Menschen in  Kontakt zu kommen und fand immer recht schnell Anklang. Aber in Bari muss ich so grundentspannt gewesen sein, so dass sich die Männer extrem von mir angezogen fühlten. Quasi an jeder Ecke wurde ich von Männern auf angenehme und verspielte Art angesprochen.

Anfang war ich überfordert und irritiert. Ich habe erst gar nicht verstanden, was los war. Sowas kannte ich nicht. Nicht in diesem Ausmaß und erst recht nicht aus Deutschland. Aber ich verstand immer mehr: Es liegt einfach daran, dass ich grundentspannt war. Mein Atem war im Fluss. Ich war im totalen Einklang mit mir und meiner Umgebung.

In den Tagen danach stellte sich bei mir eine große Dankbarkeit ein. Ich war dankbar, dass ich mir so im Einklang war. Dankbar diese Leichtigkeit zu spüren und auszustrahlen. Ich war dankbar für eine simple Dusche oder meine Haare waschen zu können. Ich war sogar dankbar für mein verkorkstes Bett, welches seltsam zusammengezimmert war. Ich war mir nicht mal sicher, ob es ein richtiges Bett war. Ich war dankbar für die Menschen mit denen ich mein Zimmer teilen durfte. Ich war dankbar, dass ich diese kleinen Dinge so sehr schätzen konnte und dass sie mich wirklich glücklich machten. Ich war dankbar für die Menschen mit denen ich die Orte erkunden konnte und das ich ihr Vertrauen genoss.

Ich habe mich so wohl und befreit gefühlt und hoffte, dass ich dieses Gefühl und diese Weltanschauung mit nach Berlin nehmen und halten kann.

In Berlin wieder angekommen. Ernüchterung. Ich fühle mich noch zart geküsst und umarmt von meinem Erfahrungen. Salopp gesagt…ich stand mitten in Berlin und fühlte mich total flauschig und wollte jeden umarmen. Aber ich merkte schnell wie mich die energetische Welle Berlins erfasste. Alles war soviel schneller und lauter. Die Menschen rannten wieder hastig an einen vorbei und schauten sich kaum an.

Ich stand in meiner kleinen Wohnung, welche mir plötzlich unfassbar groß erschien. Ich sah zu meinem Kleiderschrank, dessen Inhalt mich erschlug, obwohl ich noch nicht mal ein Shoppaholic bin. Ich stand da und dachte nur “ich brauch das alles nicht”. Ich sah nur noch Überfluss und fing an mir von diversen Sachen zu trennen. Ich wollte mir so Leichtigkeit und mehr Freiraum erschaffen.

Du denkst du brauchst dies und das. Du kaufst dir oft Dinge, damit du dich besser fühlst. Du denkst über so viele Dinge nach, was passieren könnte, aber letztendlich was du wirklich brauchst sind gesunde zwischenmenschliche Beziehungen und das Vertrauen in dich selbst.

Seit dieser Reise befasse ich mich immer mehr mit Minimalismus. Was brauche ich wirklich? Was erfüllt mich? Seien es materielle Dinge, Orte und auch zwischenmenschliche Beziehungen. Ich mache immer wieder mal BackPackTrips allein, aber mit einem deutlich kleinerem BackPack. Jedes Mal stehe ich meinen Ängsten und Sorgen gegenüber, um letztendlich festzustellen, dass diese mich eigentlich nur behindern das Leben zu führen, was mir wirklich gut tut.

In diesem Sinne: The Journey continues.

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