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Anja’s Kolumne – Teil 2

Er ist zu jung

Nach dem ich mich heldenhaft 1 1/2 Wochen durch Italien als Backpackerin durchgeschlagen habe, bin ich in Rom angekommen. Wie in allen Orten habe ich auf gut Glück mir ein Hostel gesucht.  Gesucht, gefunden. Ich klingel. Die Tür geht auf. ER steht vor mir.

Vor mir steht ein Kerl. Ohhhh …was für ein Kerl. Ein Kerl bei dem meine rechte Augenbraue unwillkürlich, lustvoll nach oben zuckte und nicht mehr aufhören wollte. Statt der üblichen Begrüßung, rutschte mir in meiner Verzückung nur ein “Australia?” heraus, gefolgt von einem Fingerzeig mit seltsam rhythmischen Zuckungen in seine Richtung. Er schaute mich grundentspannt aber irritiert an. Seine männliche, gefestigte Stimme ertönte “New Zealand!“

Vor mir stand ein Outback Guy wie er im Buche steht. So ein Bun Man, nur ohne Hip zu sein. Ca. 30 Jahre alt. Braune Augen, kurzer Bart, natürlich gebräunte Haut, seine Haare von der Sonne geküsst, durchzogen mit blonden Strähnen . Haarig war. Recht Haarig. Brust, Arme, Beine. Sehr flauschig. Was mich sonst abtörnte, wollte nun von mir permanent durchgeflauscht werden.

Warum hat mich dieser Kerl so fasziniert? Gutaussehende Kerle gibt es wie Sand an Meer. Das war es ist nicht. War es seine Fähigkeit sich selbst zu versorgen? Selber zu kochen? Seine Kleidung ordentlich zusammengefaltet und nach Plan in seinem Backpack zu verstauen (während ich immer alles nur in meinen Backpack reinfeuerte)? Sein trockener Humor? Oder lag es an seiner grundentspannten Art? Dass er so unfassbar geerdet war? Dass ihm Materialismus und Geld nicht wichtig waren? Dass er die Natur der Stadt vorzog? Dass es sein Lebensziel war sich für Menschen und Umwelt einzusetzen? 

Wenn dieser Kerl vor mir stand, war ich auch grundentspannt. Alles war klar. Ich fühlte mich in der Tat mit ihm viel weiblicher. Ich fühlte mich wohl und beschützt an Seite und leider auch unfassbar notgeil. Bei ihm war es mir völlig egal, ob er einfach nur ein guter Freund wird, ein Fuck Buddy oder der Mann fürs Leben. Ich wollte ihn einfach nur in meinem Leben haben. Die Chemie war perfekt. Ich habe ihn einfach unfassbar gerne um mich gehabt. So unterschiedlich wir waren, so gut ergänzten wir uns auch.

Wir schliefen in einem gemischten Raum im Hostel. Während ich nachts im klapprigen Hostelbett lag, machte ich mir Pläne wie ich unbemerkt von meinem Bett über den dreckigen Boden robben,  in sein Bett schlängeln und wie ich mit ihm im vollbelegten Zimmer unbemerkt, hemmungslos vögeln könnte. Schwierig, sehr schwierig. Wären unsere Hostelbetten nicht aus verschissenem, rostigem, quietschendem Stahl gewesen, hätte ich die Nächte besser überstanden, wenn ich in meine Bettkante hätte beissen können, um diese lästigen, hartnäckigen Wehen von “ich will vögeln” zu überstehen.

Am Tag 3 liefen wir erneut durch Rom. Ohne, dass zwischen uns (in der Realität) was gelaufen ist oder dass wir typische Pärchen Sachen taten, wurden wir zwei jedoch permanent von anderen als Paar wahrgenommen und angesprochen. Wir fanden das witzig. Irritierend, aber witzig.

In mir brodelte es so sehr. Ich konnte die Energie zwischen uns kaum noch aushalten.

Ich war eine Millisekunde davor, ihn zu fragen, ob wir uns nicht einfach… ENDLICH ein Einzelzimmer nehmen könnten und dann RUMSBUMS. Doch dann schaute er mich an und fragte “Wie alt bist du eigentlich?”.

Neiiiiiiiin. Frag mich doch nicht nach meinem Alter! Ich hasste es nun mein Alter sagen zu müssen. Etwas unbeholfen kam ein “34” raus. Innerlich betete ich, dass er mich jetzt nicht abschreibt, weil ich etwas älter bin als er. Aber was sind schon ca. 4 Jahre? Aber innerlich schrie mein Verstand, die ganze Zeit “Toyboy, Toyboy, Toyboy”. Ich versuchte cool zu bleiben. Tapfer ertrug ich, dass ich die Wahrheit sagte. Ja, ich bin 34. Einatmen. Ausatmen. Alles wird gut.

Und nun kam unweigerlich, was kommen musste. Ich wollte es nicht fragen, da ich merkte, dass meine anfängliche Einschätzung, dass er ca. 30 ist nicht ganz stimmen kann. Ich musste mir auch eingestehen, dass  ich innerlich betete “Lass ihn wenigstens 27 sein”. Aber auch hier merkte ich, dass ich mich selber anlog, weil ich Panik vor der Wahrheit hatte. Denn in unseren Gesprächen erzählte er mir “zu oft” von der Highschool. 

Ja und dann… fragte ich ihn, obwohl ich wusste, dass ich es nicht wissen wollte. “Und wie alt bist du?”. Innerlich hielt ich mir schon die Ohren zu und sang “Kling Kling Kling macht die Strassenbahn”. Ich wollte es nicht wissen.

“22.” war sein Antwort.

“Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin! WHAT THE FUCK???? 22!?!?!?!?!? NO WAY!!!!!!”

Ein riesen Saal voller Spiegel zersprang in mir. Plötzlich fühle ich mich wie 65. Ich fühle mich unfassbar alt und dumm. Wie ist es möglich, dass man mit 22 schon so “alt” aussehen kann? Ich war völlig überfordert. Und frag mal meine Hormone. Die haben gar nicht mehr gewusst, wohin sie sollten. 22. 22. 22. Er ist 22. Er ist verdammte 22. Wie ist das möglich? Du bist 34. DAS GEHT DOCH NICHT!

Bis heute, wenn ich Freunden Bilder von dem Kerl zeige, schätzen sie ihn auch auf ca. 30, manchmal sogar bis 35. Alles nur, um mein Gewissen zu beruhigen, dass ich nicht die Einzige, die sein Alter völlig fehleinschätzt.

Nach dem wir unsere “Zahlen” ausgetauscht hatten, liefen wir schweigend und etwas betroffen nebeneinander her. 

Offensichtlich waren wir beide verwirrt und hatten nun Mühe uns anzuschauen. Dann schaute er mich an und meinte anerkennend “Du hast sehr den Frühling in dir bewahrt.“ Ich blieb steht, starrte ihn an und schmolz innerlich weg. Wie kann er es wagen so schöne Worte zu wählen? Jetzt, wo ich anfange ihn mir schlecht zu reden.

Ich merkte wie Wehmut in mir aufpoppte. Wie kann es sein, dass Zahlen, so einen Einfluss auf mich haben? Halten mich hier gerade wirklich gesellschaftliche Konventionen ab?

Die Luft war raus, weil mein Verstand nun zu sehr in allem involviert war. In meinem Kopf ging es nur noch “Er ist 22. Er ist 22. Er ist 22. Waaaaaaaaaaaaaarum????”

Am nächsten Tag trennten sich leider unsere Wege, da ich zurück nach Deutschland musste und er reiste weiter nach Spanien. Beim Abschied bin ich ihm so sehr vom Herzen um den Hals gefallen, weil ich einfach nur Dankbar war, für die Zeit mit ihm und weil ich wusste wie sehr ich ihn vermissen werde. 5 Monate später war er während seiner Europa Reise in Deutschland und besuchte mich für 3 Tage. Leider hatten wir wieder eine unfassbar, gute Chemie. Wieder hielten uns die Leute für ein Paar.

Jedes Mal, wenn ich ihm auf meiner Couch schlafen oder in mein Bad gehen sehen habe, hätte ich ihn bespringen können. Aber diese verfickte Zahl 22, hat meinen Verstand zum perfekten Anti-Viagra verurteilt. “22” hat mich komplett blockiert.

Heute, nach über 2 Jahren bereue ich es so sehr. Dieser verdammte Verstand.

Wenn doch die Chemie perfekt ist, wenn sich doch alles gut anfühlt, warum lässt du deinen Verstand alles ruinieren?

Heute würde ich sagen “Scheiss drauf, es passt, fühlt sich gut an, ruff uff den Mann.”

Aber hinterher ist man immer schlauer. Nech?

Immerhin.

Auf den Frust, ne Packung Eiscreme.  #hauwegdiescheisse

PS: Der Kerl lebt inzwischen in Kapstadt/Südafrika und hat eine Freundin, die den selben Vornamen trägt wie ich und deren Eltern auch aus Deutschland sind. #keinscherz

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